Die Herausforderung der Geschichte: Die treibende Kraft
Wenn wir über Geschichten sprechen, fällt früher oder später ein Wort:
Plot.
Der Plot einer Geschichte.
Den Plot entwickeln.
Den Plot zusammenfassen.
Den Plot in einzelne Punkte zerlegen.
………
Und mit genau diesem Wort hatte ich lange meine Schwierigkeiten.
Nicht weil ich die Handlung meiner Geschichten nicht kannte.
Ich wusste durchaus, was passieren sollte. Ich kannte meine Charaktere, wusste, womit sie konfrontiert werden und wohin sich die Geschichte ungefähr entwickeln sollte.
Aber sobald ich versuchte, den Plot meiner Geschichte in wenigen Worten zusammenzufassen, wurde es schwierig.
Was ist der Plot meiner Geschichte?
Irgendwie klang diese Frage für mich immer unglaublich abstrakt.
Bis ich irgendwann angefangen habe, das Wort auszutauschen.
Vom Plot zum Problem
Statt mich zu fragen:
Was ist der Plot meiner Geschichte?
fragte ich mich:
Was ist das zentrale Problem meiner Geschichte?
Und plötzlich wurde es wesentlich einfacher.
Mein Charakter wurde verflucht und muss einen Weg finden, den Fluch zu brechen.
Ein Königreich steht kurz vor dem Untergang und muss gerettet werden.
Mein Charakter sitzt in einem Gefängnis und möchte entkommen.
Jemand versucht, in einer lebensfeindlichen Umgebung zu überleben.
Damit konnte ich etwas anfangen.
Denn ein Problem möchte schließlich gelöst werden.
Und die Suche nach dieser Lösung kann eine Geschichte in Bewegung setzen.
Mein Charakter versucht etwas.
Es funktioniert nicht.
Also muss er sich etwas Neues einfallen lassen.
Vielleicht findet er jemanden, der ihm helfen könnte. Vielleicht begegnet ihm jemand, der genau das verhindern möchte.
Aus einem Problem entstehen Entscheidungen, Konsequenzen und neue Situationen.
Und irgendwo dazwischen entsteht die Geschichte.
Trotzdem merkte ich irgendwann, dass auch das Wort Problem für mich nicht ganz passte.
Nicht alles ist ein Problem
Ein Problem klingt für mich nach etwas, das behoben werden muss.
Aber nicht jede Geschichte lässt sich so einfach darauf reduzieren.
Was ist beispielsweise mit einem Charakter, der etwas erreichen möchte?
Er will einen Wettbewerb gewinnen.
Eine Ausbildung bestehen.
Oder jemanden finden.
Natürlich könnte ich auch daraus irgendwie ein Problem formulieren:
Mein Charakter hat das Problem, dass er den Wettbewerb noch nicht gewonnen hat.
Funktioniert.
Klingt für mich aber ziemlich seltsam.
Also habe ich weiter nach einem Begriff gesucht, der besser zu meiner Vorstellung passt.
Und irgendwann bin ich bei einem Wort gelandet, das ich bis heute gerne benutze:
Herausforderung.
Warum ich von einer Herausforderung spreche
Eine Herausforderung muss nicht zwangsläufig ein Problem sein.
Sie kann eines enthalten.
Sie kann aus einem Problem entstehen.
Sie kann aber genauso gut ein Ziel sein, das schwer zu erreichen ist.
Eine Situation, die bewältigt werden muss.
Eine Aufgabe.
Eine Bedrohung.
Ein Hindernis.
.....
Etwas, mit dem sich mein Charakter auseinandersetzen muss.
Genau deshalb gefällt mir das Wort so gut.
Mein Charakter wird herausgefordert.
Und wenn diese Herausforderung für seine Geschichte wichtig ist, wird er irgendwann auf sie reagieren müssen.
Genau diese Reaktion kann etwas in Bewegung setzen.
Eine Herausforderung sollte etwas bedeuten
Dabei reicht es für mich nicht unbedingt, dass irgendwo ein Problem existiert.
Nehmen wir an, am anderen Ende der Welt droht ein Königreich unterzugehen.
Mein Charakter weiß nichts davon.
Er kennt dort auch niemanden.
Was mit diesem Königreich geschieht, hat keinerlei Auswirkungen auf sein Leben.
Dann mag dort eine Katastrophe stattfinden.
Für seine Geschichte ist sie im Moment aber kaum eine Herausforderung.
Was aber, wenn dort seine Familie lebt?
Wenn sein eigenes Überleben davon abhängt?
Oder wenn er der Einzige ist, der vielleicht etwas dagegen tun kann?
Plötzlich sieht die Sache anders aus.
Eine Herausforderung wird für mich besonders interessant, wenn ich verstehe:
Warum kann mein Charakter sie nicht einfach ignorieren?
Manchmal ist die Antwort ziemlich offensichtlich.
Wenn er verflucht wurde und in dreißig Tagen stirbt, besitzt er einen guten Grund, sich darum zu kümmern.
Bei anderen Geschichten kann die Antwort wesentlich persönlicher sein.
Er könnte wegsehen.
Aber er entscheidet sich dagegen.
Vielleicht aus Liebe.
Aus Schuld.
Aus Verantwortungsgefühl.
Aus Ehrgeiz.
Auch Rache könnte das Motiv sein..
Oder einfach, weil er nicht anders kann.
Und schon erzählt mir die Herausforderung gleichzeitig etwas über meinen Charakter.
Mein Charakter im Ring
Wenn ich an eine Herausforderung denke, habe ich ziemlich schnell ein bestimmtes Bild im Kopf.
Ich stelle mir meinen Charakter in einem Ring vor.
In der einen Ecke steht seine Herausforderung.
In der anderen mein Charakter.
Die Glocke ertönt.
Die erste Runde beginnt.
Vielleicht schlägt sich mein Charakter erstaunlich gut.
Er findet eine erste Spur.
Gewinnt einen Verbündeten.
Überwindet ein Hindernis.
Für einen kurzen Moment sieht es so aus, als hätte er die Situation unter Kontrolle.
Dann beginnt die nächste Runde.
Und plötzlich bekommt er einen Schlag ab.
Sein Plan funktioniert nicht.
Ein Verbündeter stellt sich gegen ihn.
Eine Information, auf die er sich verlassen hat, war falsch.
Die Zeit wird knapp.
Vielleicht geht mein Charakter sogar zu Boden.
Aber die Geschichte ist noch nicht vorbei.
Also muss er wieder aufstehen.
Eine neue Strategie finden.
Nach einer anderen Lösung suchen.
Vielleicht akzeptieren, dass das, was beim ersten Mal funktioniert hat, diesmal nicht mehr reicht.
Mal gewinnt er eine Runde.
Mal verliert er eine.
Und manchmal weiß ich als Autor schon, dass der nächste Schlag kommt, während mein Charakter noch ziemlich zufrieden in seiner Ecke sitzt.
Genau dieses Bild beschreibt für mich gut, was eine Herausforderung mit einer Geschichte machen kann.
Sie hält meinen Charakter in Bewegung.
Wie aus einer Herausforderung Handlung entstehen kann
Wie aus einer Herausforderung Handlung entsteht
Die Herausforderung allein ist noch nicht die Handlung.
Mein Charakter muss einen Fluch brechen.
Das erzählt mir noch keinen Roman.
Es sagt mir zunächst nur, womit mein Charakter konfrontiert wird.
Interessant wird es durch die Frage:
Was tut er deswegen?
Vielleicht sucht er jemanden, der sich mit Flüchen auskennt.
Dadurch erfährt er von einem alten Ritual.
Für dieses Ritual braucht er etwas, das sich an einem gefährlichen Ort befindet.
Also macht er sich auf den Weg.
Dort begegnet er jemandem, der ebenfalls Interesse an diesem Gegenstand hat.
Vielleicht gewinnt er einen Verbündeten.
Vielleicht scheitert sein erster Versuch.
Vielleicht findet er genau das, wonach er gesucht hat, und stellt anschließend fest, dass es vollkommen anders funktioniert als gedacht.
Aus einer einzigen Herausforderung können so Entscheidungen, Hindernisse, Konflikte und Konsequenzen entstehen.
Dabei muss mein Charakter nicht ständig verlieren.
Er darf eine Spur finden.
Jemanden überzeugen.
Eine neue Fähigkeit lernen.
Einen Gegner besiegen.
Vielleicht gelingt ihm sogar etwas, woran er selbst nicht mehr geglaubt hat.
Diese Erfolge verändern seine Position.
Er weiß mehr.
Kann mehr.
Hat vielleicht neue Verbündete.
Aber auch die Herausforderung kann sich unterwegs verändern.
Vielleicht stellt sich heraus, dass der Fluch wesentlich komplizierter ist als gedacht.
Vielleicht hat die vermeintliche Lösung eine Konsequenz, mit der niemand gerechnet hat.
Oder mein Charakter ist seinem Ziel tatsächlich einen großen Schritt nähergekommen.
Für mich ist deshalb weniger entscheidend, ob er gerade gewinnt oder verliert.
Spannender finde ich:
Wie verändert sich das Verhältnis zwischen meinem Charakter und seiner Herausforderung?
Mal kommt er seinem Ziel näher.
Mal entfernt es sich wieder.
Manchmal verändert sich sogar das Ziel selbst.
Und genau auf diesem Weg kann aus einer ursprünglichen Herausforderung nach und nach Handlung entstehen.
Und wo bleibt der Konflikt?
Aus einer Herausforderung können natürlich auch Konflikte entstehen.
Möchte mein Charakter sein Königreich retten und jemand versucht, ihn daran zu hindern, prallen zwei Ziele aufeinander.
Vielleicht hält sein bester Freund seinen Plan für vollkommen verrückt und weigert sich, ihn zu unterstützen.
Oder mein Charakter zweifelt selbst daran, ob er seiner Herausforderung überhaupt gewachsen ist.
Für mich stehen Konflikt und Herausforderung deshalb nicht unbedingt getrennt nebeneinander.
Eine Herausforderung kann der Punkt sein, an dem ganz unterschiedliche Konflikte entstehen.
Und genau diese Konflikte beeinflussen wiederum, wie mein Charakter mit seiner Herausforderung umgeht.
Eine Geschichte kann mehrere Herausforderungen haben
Natürlich muss eine Geschichte nicht nur eine einzige Herausforderung besitzen.
Vielleicht versucht mein Charakter hauptsächlich, einen Fluch zu brechen.
Gleichzeitig möchte er seine Schwester beschützen.
Er muss lernen, seine Magie zu kontrollieren.
Und eine wichtige Freundschaft droht zu zerbrechen.
Manche dieser Herausforderungen begleiten vielleicht nur einen Teil der Geschichte.
Andere hängen unmittelbar miteinander zusammen.
Vielleicht wird eine kleinere Herausforderung irgendwann sogar wichtiger als die ursprüngliche.
Oder die zentrale Herausforderung verändert sich vollkommen.
Auch das darf für mich passieren.
Die gleiche Herausforderung, eine andere Geschichte
Besonders interessant wird es für mich, wenn Charakter und Herausforderung aufeinandertreffen.
Nehmen wir zwei Charaktere.
Beide werden gefangen genommen.
Die äußere Herausforderung ist zunächst dieselbe:
Entkommen.
Der erste Charakter ist geduldig, strategisch und gewohnt, mit anderen zusammenzuarbeiten.
Der zweite ist impulsiv, misstrauisch und überzeugt davon, dass er jedes Problem allein lösen muss.
Obwohl beide vor derselben Herausforderung stehen, könnten daraus zwei vollkommen unterschiedliche Geschichten entstehen.
Der erste beobachtet vielleicht tagelang die Wachabläufe.
Der zweite versucht am ersten Abend auszubrechen.
Der eine sucht Verbündete.
Der andere stößt mögliche Helfer von sich.
Der eine wartet vielleicht zu lange.
Der andere handelt zu früh.
Und plötzlich verändert der Charakter, wie die Herausforderung erlebt und bewältigt wird.
Gleichzeitig kann die Herausforderung etwas im Charakter berühren.
Was passiert mit einem Menschen, der alles allein lösen möchte, wenn er auf eine Situation trifft, die er allein unmöglich bewältigen kann?
Was passiert mit einem vorsichtigen Charakter, wenn plötzlich keine Zeit mehr zum Nachdenken bleibt?
Was passiert mit einem mächtigen Charakter, wenn er auf etwas trifft, das sich nicht mit Macht lösen lässt?
Genau dort greifen für mich zwei meiner fünf Bausteine ineinander:
Charakter und Herausforderung.
Der Charakter beeinflusst, wie er mit der Herausforderung umgeht.
Und die Herausforderung kann Seiten eines Charakters zum Vorschein bringen, die wir ohne sie vielleicht niemals kennengelernt hätten.
Vom Plot zur Herausforderung
Wenn mich heute jemand fragt, worum es in einer meiner Geschichten geht, hilft mir deshalb eine andere Frage wesentlich mehr als:
Was ist der Plot?
Ich frage mich:
Vor welcher zentralen Herausforderung steht mein Charakter?
Damit kann ich wesentlich mehr anfangen als mit dem abstrakten Gedanken, jetzt einen Plot entwickeln zu müssen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich bei diesem Wort geblieben bin.
Zum Mitnehmen
Für die Art von Geschichten, die ich schreibe, ist die Herausforderung häufig eine treibende Kraft.
Sie gibt meinem Charakter etwas, auf das er reagieren muss. Aus diesen Reaktionen können Entscheidungen, Hindernisse, Konflikte und Konsequenzen entstehen.
Deshalb frage ich mich beim Entwickeln einer Geschichte heute weniger:
Was ist mein Plot?
Sondern:
Vor welcher Herausforderung steht mein Charakter?
Und plötzlich wird aus einem abstrakten Plot etwas, mit dem ich arbeiten kann.
Welcher Herausforderung muss sich dein Charakter gerade stellen?
Kämpft er gegen einen Fluch, versucht er jemanden zu retten oder steht er vor einem Problem, bei dem du selbst noch nicht weißt, wie er da wieder herauskommen soll?
Wenn du gerne mit mir über solche Fragen rund ums Schreiben nachdenkst, kannst du dich hier für meinen Newsletter eintragen.
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Vielleicht finden wir gemeinsam heraus, ob dein Charakter die nächste Runde gewinnt.


