Character Arc oder so ähnlich …

Was hinterlässt eine Geschichte in ihrer Figur?

Ich muss zugeben, dass ich mich am Anfang meiner Reise als Autorin nicht wirklich mit Character Arcs beschäftigt habe.

Natürlich hatte ich davon gelesen und wusste, dass sich Charaktere innerhalb einer Geschichte entwickeln können und das auch sollen. Aber dafür brauchte ich persönlich keinen Namen und schon gar kein festes Konzept.

Irgendwann bin ich dann doch tiefer in das Thema eingetaucht.

Nicht unbedingt, weil ich plötzlich nach einer neuen Methode gesucht habe, sondern weil ich wissen wollte:

Kann mir das beim Schreiben helfen oder nicht?

Und genau so gehe ich eigentlich mit den meisten Schreibtipps und Methoden um.

Ich beschäftige mich damit, probiere vielleicht etwas aus und entscheide anschließend, ob davon etwas zu meiner Art zu schreiben passt.

Wenn nicht, darf es auch wieder gehen.

Beim Character Arc bin ich allerdings an einem Gedanken hängen geblieben.

Denn im Grunde beschreibt er etwas, das für mich beim Schreiben ohnehin passiert:

Ein Charakter erlebt eine Geschichte. Und diese Geschichte macht etwas mit ihm.

Aber muss sich deshalb wirklich jeder Charakter verändern?

Und was bedeutet Veränderung überhaupt?

Was ist ein Character Arc?

Ganz vereinfacht beschreibt ein Character Arc die innere Entwicklung eines Charakters im Verlauf einer Geschichte.

Wir haben einen Charakter am Anfang.

Mit bestimmten Überzeugungen.

Ängsten.

Wünschen.

Verhaltensweisen.

Vielleicht auch mit falschen Vorstellungen über sich selbst oder die Welt.

Dann geschieht etwas.

Der Charakter wird mit einer Herausforderung konfrontiert, trifft Entscheidungen, scheitert vielleicht, gewinnt etwas, verliert etwas und sammelt Erfahrungen.

Und am Ende steht möglicherweise ein Mensch, der nicht mehr ganz derselbe ist wie zu Beginn.

Dabei finde ich allerdings einen Punkt wichtig:

Der Arc besteht für mich nicht einfach aus Anfang und Ende. Das eigentlich Interessante liegt dazwischen.

Wie kommt der Charakter von dort, wo er am Anfang steht, zu dem Menschen, der er am Ende ist?

Denn wenn ich nur Anfang und Ende kenne, habe ich noch keine Entwicklung geschrieben.

Ich kenne lediglich zwei Zustände.

Die Geschichte dazwischen muss erklären, warum aus dem einen der andere werden konnte.

Veränderung erscheint eigentlich ziemlich logisch

Mein erster Gedanke beim Character Arc war deshalb:

Ergibt sich das nicht ohnehin aus der Geschichte?

Wenn ein Mensch etwas Einschneidendes erlebt, macht das etwas mit ihm.

Ein Verrat.

Der Verlust eines geliebten Menschen.

Eine neue Freundschaft.

Eine große Verantwortung.

Eine Erfahrung, die alles infrage stellt, woran er bisher geglaubt hat.

Natürlich verändert ihn das.

Oder?

Ganz so automatisch ist es vermutlich doch nicht.

Denn ein Ereignis verändert zunächst einmal die Situation eines Charakters.

Was es innerlich mit ihm macht, ist eine andere Frage.

Zwei Menschen können schließlich genau dasselbe erleben und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren.

Der eine wird nach einem Verrat vorsichtiger.

Der andere verschließt sich vollkommen.

Ein Dritter versucht vielleicht erst recht, an das Gute im Menschen zu glauben.

Das Ereignis allein schreibt also noch keinen Character Arc.

Interessant wird es für mich erst bei der Frage:

Was macht mein Charakter daraus?

Ein Charakter braucht ein Vorher

Damit ich überhaupt erkennen kann, dass sich ein Charakter verändert hat, muss ich wissen, wie er vorher war.

Wie hat er Entscheidungen getroffen?

Wem hat er vertraut?

Was glaubte er über sich selbst?

Erst wenn ich diesen Ausgangspunkt kenne, kann eine spätere Veränderung wirklich sichtbar werden.

Nehmen wir eine Figur, die zu Beginn jedem vertraut.

Sie erzählt anderen schnell von ihren Plänen, glaubt Versprechen und gibt Menschen immer wieder eine neue Chance.

Im Laufe der Geschichte wird sie mehrfach verraten.

Am Ende begegnet sie einer ähnlichen Situation wie zu Beginn.

Doch diesmal erzählt sie nicht sofort alles.

Sie beobachtet.

Sie hinterfragt.

Vielleicht vertraut sie trotzdem, aber nicht mehr blind.

Dann brauche ich keinen Satz wie:

Sie war vorsichtiger geworden.

Ich kann die Veränderung sehen.

Die Geschichte muss etwas mit meinem Charakter machen

Als ich mich näher mit Character Arcs beschäftigt habe, ist mir irgendwann aufgefallen, dass ich bei meinen eigenen Figuren eigentlich von der anderen Seite komme.

Ich überlege mir nicht zuerst:

Welchen Arc soll mein Charakter durchlaufen?

Und suche anschließend nach Ereignissen, die ihn genau dorthin bringen.

Ich gehe eher von meinem Charakter und seiner Geschichte aus.

Wer ist dieser Mensch?

Was begegnet ihm?

Und vor allem:

Was macht all das mit ihm?

Nehmen wir einen Charakter, der anderen Menschen nur schwer vertrauen kann.

Ich könnte von Anfang an festlegen:

Am Ende meiner Geschichte soll er lernen, anderen zu vertrauen.

Dann könnte ich seine Entwicklung gezielt darauf ausrichten.

Aber genau so denke ich beim Schreiben meistens nicht.

Ich würde ihn durch seine Geschichte schicken.

Vielleicht ist er plötzlich auf andere angewiesen.

Jemand enttäuscht ihn.

Jemand anderes hilft ihm, obwohl er niemals damit gerechnet hätte.

Sein Misstrauen wird einmal bestätigt und steht ihm ein anderes Mal selbst im Weg.

Und irgendwann komme ich mit ihm am Ende der Geschichte an.

Was ist aus all diesen Erfahrungen entstanden?

Vielleicht hat er gelernt, anderen mehr zu vertrauen.

Vielleicht ist er noch vorsichtiger geworden.

Vielleicht vertraut er nur einem einzigen Menschen.

Oder er hat etwas ganz anderes gelernt:

Vertrauen bedeutet für ihn nicht mehr, einem Menschen entweder alles oder gar nichts anzuvertrauen.

Welche Entwicklung daraus entsteht, hängt für mich von dem ab, was innerhalb seiner Geschichte passiert ist.

Der Character Arc gibt für mich deshalb nicht unbedingt vor, wohin die Geschichte führen muss. Die Geschichte zeigt mir, wohin sich der Charakter glaubwürdig entwickeln kann.

Und genau dort überprüfe ich meine Figuren.

Wenn ich am Ende feststelle:

Eigentlich hat sich gar nichts verändert.

werde ich hellhörig.

Nicht weil mein Charakter damit irgendeine Regel verletzt.

Sondern weil ich mich frage:

Hat das, was er erlebt hat, wirklich keine Spuren hinterlassen?

Ich möchte einem Charakter keine Veränderung überstülpen, nur damit am Ende ein sauberer Arc entsteht.

Aber genauso wenig möchte ich ihn durch einschneidende Erfahrungen schicken, ohne dass irgendetwas davon in ihm ankommt.

Deshalb interessiert mich weniger:

Welche Entwicklung schreibe ich?

Sondern:

Welche Entwicklung kann aus genau dieser Geschichte und genau diesem Charakter entstehen?

Positiv, negativ oder irgendwo dazwischen?

Bei Character Arcs begegnet einem irgendwann die Unterscheidung zwischen einer positiven und einer negativen Entwicklung.

Ganz grob bedeutet das:

Bei einem positiven Arc überwindet ein Charakter etwas, das ihn bisher zurückgehalten hat.

Bei einem negativen Arc entwickelt er sich dagegen weiter in eine Richtung, die ihm schadet oder vielleicht sogar zu seinem Fall beiträgt.

Mit dieser Einteilung tue ich mich allerdings ein wenig schwer.

Nicht weil ich sie grundsätzlich falsch finde.

Sondern weil sich eine Entwicklung für mich nicht immer so eindeutig einordnen lässt.

Kehren wir zu unserer vertrauensseligen Figur zurück.

Sie wird immer wieder verraten und dadurch vorsichtiger.

Sie hinterfragt Absichten.

Erzählt nicht mehr jedem von ihren Plänen.

Sie lernt, sich zu schützen.

Positiv?

Vielleicht.

Aber was passiert, wenn aus Vorsicht Misstrauen wird?

Wenn sie irgendwann niemanden mehr an sich heranlässt?

Dann könnte dieselbe Entwicklung plötzlich auch etwas Negatives haben.

Vielleicht gefällt mir deshalb eine andere Betrachtung besser.

Menschen können an Erfahrungen wachsen.

Sie können an ihnen zerbrechen.

Und manchmal passiert sogar beides gleichzeitig.

Ein Charakter kann selbstständiger werden und dabei seine Fähigkeit verlieren, anderen zu vertrauen.

Er kann lernen, für sich einzustehen und gleichzeitig rücksichtsloser werden.

Er kann eine Angst überwinden und dafür eine neue entwickeln.

Er kann stärker werden, aber nicht unbedingt glücklicher.

……

Deshalb interessiert mich weniger, welches Etikett ich auf eine Entwicklung kleben kann.

Wichtiger finde ich:

Wo beginnt mein Charakter?

Was erlebt er?

Und zu welchem Menschen macht ihn das?

Eine Entwicklung muss für mich nicht eindeutig besser oder schlechter sein.

Sie sollte vor allem nachvollziehbar sein.

Muss wirklich jeder Charakter einen Arc haben?

Auch bei dieser Frage würde ich vorsichtig mit einer festen Regel sein.

Nicht jeder Charakter muss sich innerhalb einer Geschichte grundlegend verändern.

Manche Figuren können relativ konstant bleiben.

Vielleicht besitzt ein Charakter bereits eine Überzeugung, an der die Geschichte immer wieder rüttelt, ohne dass er sie aufgibt.

Vielleicht verändert sich weniger die Figur selbst als ihr Umfeld.

Vielleicht verändert sie andere Menschen, obwohl sie selbst relativ konstant bleibt.

Das bedeutet für mich nicht automatisch, dass mit der Figur etwas nicht stimmt.

Die interessantere Frage wäre:

Warum bleibt sie gleich?

Wird ihre Haltung immer wieder geprüft?

Muss sie etwas verteidigen?

Oder ist tatsächlich einfach zu wenig passiert, um irgendeine Spur zu hinterlassen?

Denn genau dort würde ich unterscheiden.

Eine Figur muss sich für mich nicht verändern, nur weil wir beim Schreiben immer wieder auf das Konzept des Character Arcs stoßen.

Aber wenn sie Dinge erlebt, die eigentlich ihr gesamtes Weltbild erschüttern müssten, und am Ende vollkommen unberührt daraus hervorgeht, würde ich genauer hinschauen.

Was passiert bei einer Buchreihe?

Bei einer Buchreihe wird das Thema noch einmal interessanter.

Denn dort muss die Entwicklung eines Charakters nicht innerhalb eines einzigen Bandes abgeschlossen sein.

Eine Erfahrung hinterlässt einen ersten Riss.

Eine Entscheidung beeinflusst die nächste.

Ein Erfolg gibt Selbstvertrauen.

Ein Verrat hinterlässt Misstrauen.

Und jeder weitere Band beginnt mit einem Charakter, der bereits die Erfahrungen der vorherigen Geschichte mit sich trägt.

Stellen wir uns eine Protagonistin vor, die zu Beginn einer Reihe schlecht im Kampftraining ist.

Sie verliert ständig und hat längst akzeptiert, dass andere besser sind.

Im ersten Band beginnt sie ernsthaft zu trainieren.

Sie verliert weiterhin, erkennt aber erste Fortschritte und gewinnt irgendwann ihren ersten Kampf.

Wenn sie in Band zwei wieder auf die Sparringmatte tritt, steht dort nicht mehr dieselbe Person.

Vielleicht geht sie selbstbewusster auf ihren Gegner zu.

Vielleicht übernimmt sie zum ersten Mal die Initiative.

Und vielleicht wird genau dieses neue Selbstvertrauen später zum Problem.

Was, wenn daraus Übermut wird?

Was, wenn sie einen Gegner unterschätzt?

Dann kann aus der Entwicklung des ersten Bandes bereits die nächste entstehen.

Der nächste Band setzt die Figur nicht wieder auf null.

Er beginnt dort, wo der vorherige aufgehört hat.

So können sich viele kleinere Veränderungen über mehrere Bücher hinweg ansammeln.

Und irgendwann reagiert die Figur im letzten Band vollkommen anders auf eine Situation als im ersten.

Nicht weil wir sie plötzlich verändert haben.

Sondern weil wir sie auf dem gesamten Weg dorthin begleiten konnten.

Geplant und trotzdem organisch

Lange dachte ich bei solchen Konzepten schnell:

Wenn ich einen Character Arc plane, wirkt er dann nicht automatisch konstruiert?

Inzwischen sehe ich darin keinen wirklichen Widerspruch mehr.

Ich kann wissen, wo mein Charakter am Anfang steht.

Ich kann auch wissen, wo er am Ende stehen soll.

Entscheidend ist, dass ich den Weg dazwischen nicht überspringe.

Wenn eine ängstliche Figur am Ende mutig handeln soll, reicht es nicht, sie in der letzten Szene plötzlich mutig sein zu lassen.

Vielleicht läuft sie zunächst davon.

Vielleicht versucht sie es später und scheitert.

Vielleicht bleibt sie irgendwann trotz ihrer Angst.

Und vielleicht trifft sie am Ende eine Entscheidung, zu der sie am Anfang niemals fähig gewesen wäre.

Dann war die Entwicklung geplant.

Aber sie kann sich trotzdem natürlich anfühlen.

Denn der Leser hat erlebt, wie sie entstanden ist.

Vielleicht geht es gar nicht um den Arc

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich eigentlich die Frage:

Hat mein Charakter einen guten Character Arc?

Viel wichtiger finde ich:

Hat die Geschichte etwas mit meinem Charakter gemacht?

Sind seine Erfahrungen irgendwo in ihm angekommen?

Hat er etwas gelernt?

Ist etwas zerbrochen?

Hat sich eine Überzeugung verschoben?

Oder hat er vielleicht ganz bewusst entschieden, trotz allem an etwas festzuhalten?

Denn eine Geschichte besteht für mich nicht nur aus Dingen, die einem Charakter passieren.

Sie besteht auch daraus, was diese Dinge in ihm hinterlassen.

Und vielleicht ist genau das am Ende das, was wir Character Arc nennen.

Wenn meine Antwort auf die Frage

Was hat die Geschichte in meinem Charakter hinterlassen?

allerdings lautet:

Gar nichts.

Dann würde ich mir seine Geschichte noch einmal etwas genauer ansehen.

Zum Mitnehmen

Ein Character Arc muss für mich keiner festen Formel folgen.

Viel interessanter finde ich die Frage:

Was hinterlässt die Geschichte in meinem Charakter?

Vielleicht wächst er daran. Vielleicht zerbricht etwas. Vielleicht hält er trotz allem an sich fest.

Entscheidend ist für mich, dass ich nachvollziehen kann, wie er dort angekommen ist.

Was macht eine Geschichte eigentlich mit unseren Charakteren?

Welche Erfahrungen hinterlassen Spuren? Welche verändern sie? Und welche bringen vielleicht Seiten zum Vorschein, die vorher schon in ihnen geschlummert haben?

Genau solchen Fragen gehe ich auf meinem Autorenblog und in meinem Newsletter nach. Dort teile ich neue Beiträge rund ums Schreiben, Gedanken aus meinem eigenen Schreibprozess und Einblicke in meinen Weg als Autorin.

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