Trope. Klischee oder emotionales Versprechen?
Autoren verwenden sie und leser suchen gezielt nach ihnen.
Und manchmal reicht ein einziger Trope, damit man bei einem Buch sofort denkt:
Das möchte ich unbedingt lesen.
Oder:
Nein. Ganz sicher nicht.
Doch was genau ist eigentlich ein Trope?
Auf meiner Suche nach einer Antwort bin ich auf einige spannende Dinge gestoßen. Denn der Begriff ist wesentlich älter als BookTok, Romantasy und Enemies to Lovers.
Und je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto weniger erschienen mir Tropes wie einfache Schubladen, sonder wie ein kleines Versprechen.
Woher kommt das Wort Trope überhaupt?
Das Wort Trope ist viel älter, als ich zunächst gedacht hatte.
Sein Ursprung führt bis ins Altgriechische zurück.
Es stammt vom griechischen tropos ab und bedeutet unter anderem so viel wie Wendung, Art und Weise oder Richtung.
Später fand der Begriff seinen Weg in die Rhetorik (Die Kunst der Rede). Dort bezeichnete er sprachliche Figuren, bei denen ein Ausdruck nicht einfach in seiner gewöhnlichen Bedeutung verwendet wird, beispielsweise bei Metaphern oder Ironie.
Mit dem heutigen Gebrauch in Geschichten hat das erstaunlich wenig zu tun.
Was verstehen wir heute unter einem Trope?
Wenn Autoren und Leser heute über Tropes sprechen, meinen sie meistens wiederkehrende erzählerische Muster, das Erwartungen Weckt.
Und Tropes begegnen uns dabei in ganz unterschiedlichen Formen.
Es können bestimmte Charaktertypen sein:
Der Mentor
Der Auserwählte
Der Außenseiter
Der Antiheld
…..
Sie können sich auch auf wiederkehrende Handlungsmuster beziehen:
Der Verrat
Die Rückkehr eines totgeglaubten Charakters
Der Held opfert sich
……
Oder auf bestimmte Settings und Motive:
Die magische Akademie
Das verlorene Königreich
Der verfluchte Wald
……
Heute begegnen uns Tropes besonders häufig, rund um Beziehungen zwischen Charakteren:
Enemies to Lovers
Slow Burn
Friends to Lovers
Forbidden Love
Found Family
…..
Gerade solche Begriffe finden sich inzwischen auf Buchcovern, in Verlagsvorschauen oder in Beiträgen auf Social Media.
Und das hat einen ziemlich einfachen Vorteil:
Wir können uns schon vor dem Lesen ungefähr vorstellen, was uns erwartet.
Ein Trope weckt Erwartungen
Tropes können uns helfen, eine Geschichte einzuordnen.
Viel interessanter finde ich allerdings, was noch vor dem Lesen passiert:
Sie wecken Erwartungen.
Wenn ich Slow Burn lese, kenne ich weder die Figuren noch ihre Geschichte. Aber ich erwarte eine Beziehung, die Zeit braucht.
Bei Enemies to Lovers erwarte ich zwei Charaktere, die zunächst hassen und deren Beziehung sich im Laufe der Geschichte in das Gegenteil verändert..
Und bei Found Family freue ich mich darauf, wie Menschen, die ursprünglich keine Familie waren, füreinander genau das werden.
Wie all das geschieht, verrät mir der Trope nicht.
Genau deshalb sehe ich Tropes gerne als eine Art kleines Versprechen.
Nicht auf die Geschichte selbst, sondern auf eine bestimmte Dynamik oder ein Gefühl.
Klischee oder emotionales Versprechen?
Tropes werden auch gerne mit Klischees gleichgesetzt.
Und natürlich können sie klischeehaft wirken, wenn bekannte Muster immer wieder auf dieselbe Weise erzählt werden.
Aber ist deshalb der Trope selbst das Problem?
Ich glaube nicht.
Zehn Autoren könnten Enemies to Lovers schreiben und daraus zehn vollkommen unterschiedliche Geschichten machen.
Denn der Trope verrät uns noch nicht, wer diese Charaktere sind, warum sie sich hassen, in welcher Welt sie leben, was zwischen ihnen geschieht oder wie ihre Geschichte endet.
Der Trope weckt eine Erwartung. Was der Autor daraus macht, ist die Geschichte.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir bestimmte Tropes immer wieder lesen können.
Wir suchen nicht unbedingt dieselbe Geschichte.
Vielleicht möchten wir einfach ein bestimmtes Gefühl noch einmal erleben.
Ein Trope kann mich anziehen oder abschrecken
Es gibt Tropes, bei denen ich sofort neugierig werde.
Und dann gibt es welche, bei denen ich schon beim Lesen weiß:
Nein. Das wird nichts mit uns beiden.
Eine Dreiecksbeziehung gehört für mich beispielsweise dazu. Sobald ich diesen Tope lese, bin ich raus.
Ähnlich geht es mir mit manchen Tropes aus sehr düsteren Liebesgeschichten, etwa wenn Stalking oder extremes Besitzdenken im Spiel sind. Nein, danke.
Das bedeutet aber nicht, dass diese Tropes grundsätzlich schlecht sind.
Sie versprechen mir einfach eine Dynamik, die ich persönlich nicht lesen möchte.
Und eigentlich zeigt gerade das ziemlich gut, wie Tropes funktionieren.
Sie können uns schon vor dem Lesen sagen:
Darauf habe ich Lust.
Oder eben:
Lieber nicht.
Ist wirklich alles ein Trope?
Ist wirklich alles ein Trope?
Während meiner Recherche ist mir noch etwas aufgefallen.
Heute werden unglaublich viele Dinge als Tropes bezeichnet.
Zum Beispiel:
Only One Bed
The Last Kiss Before Battle
There’s Only One Horse
Accidental Hand Touch
Und hier ziehe ich für meine eigene Betrachtung eine etwas andere Grenze.
Ein Trope muss für mich stark genug sein, um eine Geschichte über längere Zeit zu tragen. Nicht nur eine einzelne Situation oder Szene.
Enemies to Lovers kann sich durch einen ganzen Roman ziehen. Die Beziehung und ihre Veränderung begleiten die Geschichte über viele Kapitel hinweg.
Slow Burn funktioniert ähnlich. Die langsame Annäherung entsteht nicht in einer einzigen Szene, sondern entwickelt sich über einen längeren Zeitraum.
Only One Bed z.B. ist für mich dagegen etwas anderes.
Zwei Charaktere stehen vor einem Bett und müssen sich irgendwie damit arrangieren. Daraus kann eine romantische, lustige oder angespannte Szene entstehen. Vielleicht ist diese Szene sogar einer der Momente, an die sich der Leser später besonders gut erinnert.
Aber danach ist die Situation vorbei.
Sie kann Teil eines Slow Burn oder Enemies to Lovers sein, trägt für mich aber nicht selbst die Geschichte.
Deshalb unterscheide ich für meine eigene Betrachtung zwischen tragenden Tropes und wiederkehrenden Situationen.
Das ist natürlich keine offizielle Einteilung. Andere können Only One Bed selbstverständlich als Trope bezeichnen.
Mir hilft diese Grenze lediglich dabei, zu unterscheiden:
Begleitet dieses Muster meine Geschichte oder füllt es einen Moment innerhalb dieser Geschichte?
Warum Tropes trotzdem nicht dieselbe Geschichte erzählen
Gerade bei bekannten Tropes kann schnell die Sorge entstehen, eine Geschichte könnte dadurch austauschbar werden. Klischees eben.
Aber nehmen wir einmal zehn Autoren und geben allen dieselbe Aufgabe:
Schreibt eine Geschichte mit Enemies to Lovers.
Was würde passieren?
Vermutlich bekämen wir zehn vollkommen unterschiedliche Geschichten.
Denn der Trope beantwortet noch keine der wirklich entscheidenden Fragen.
Wer sind diese Charaktere?
Warum sind sie Feinde?
In welcher Welt leben sie?
Was steht zwischen ihnen?
Was bringt sie einander näher?
Welche Entscheidungen treffen sie?
Und was passiert am Ende?
…..
Der Trope gibt uns ein bekanntes Muster.
Was wir daraus machen, ist eine andere Sache.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Leser denselben Trope immer wieder lesen können, ohne zwangsläufig dieselbe Geschichte zu bekommen.
Warum Tropes für mich zu den Bausteinen einer Geschichte gehören
In meinem Artikel über die fünf Bausteine einer Geschichte habe ich Tropes bewusst als einen dieser Bausteine eingeordnet.
Nicht weil jede Geschichte zwingend einen klar benennbaren Trope braucht.
Für mich ist er einfach eine Möglichkeit, über die Dynamik einer Geschichte nachzudenken.
Welche Entwicklung begleitet sie?
Welche Erwartungen entstehen?
Welche emotionale Richtung könnte sich daraus ergeben?
……
Ein Trope erzählt mir noch nicht, was meine Geschichte ist.
Aber manchmal gibt er mir eine Ahnung davon, wie sich ein Teil dieser Geschichte anfühlen könnte.
Und genau deshalb gehört er für mich zu meinen fünf Bausteinen.
Zum Mitnehmen
Tropes sind für mich kleine Versprechen.
Sie können Erwartungen wecken, uns neugierig machen oder uns genauso schnell zeigen:
Diese Geschichte ist vermutlich nichts für mich.
Aber sie erzählen noch nicht die Geschichte.
Entscheidend ist, was der Autor aus ihnen macht.
Welche Tropes sind deine Favoriten und mit welchen kann man dich jagen?
Gibt es Tropes, bei denen du sofort neugierig wirst? Oder solche, bei denen du ein Buch lieber wieder zurück ins Regal stellst?
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