Woraus entsteht eigentlich eine Geschichte?
Hast du dich schon einmal gefragt, wie viel Bausteine eine Geschichte Braucht?
Die meisten Schreibratgeber sind sich zumindest bei 3 Punkten ziemlich einig.
Eine Geschichte braucht einen Charakter, ein Setting und den Plot natürlich der unsern Charakter in Bewegung bringt.
Je nach Modell kommen noch weitere Elemente hinzu, wie:
Konflikt.
Thema.
Perspektive.
Stil und Stimme.
Handlung.
Mit dieser Einteilung kann ich mich allerdings nur teilweise anfreunden.
Ein Charakter, der die Geschichte erlebt, ist das Herz der Ganzen Geschichte.
Ebenso wichtig ist das Setting. Schließlich braucht eine Geschichte eine Welt, in der sie stattfinden kann. Und diese Welt bringt ihre eigenen geografischen Gegebenheiten, gesellschaftlichen Strukturen oder Regeln mit.
Dann braucht es etwas, das Bewegung in diese Ausgangssituation bringt.
Den Plot.
Oder, wie ich es lieber bezeichne, eine Herausforderung.
Etwas, mit dem unser Charakter konfrontiert wird und auf das er reagieren muss.
Ab diesem Punkt weicht meine Sicht allerdings von vielen klassischen Einteilungen, oder Erweiterungen ab.
Vielleicht kannst du meien Gedanken nachvolziehen.
Warum Konflikt für mich kein eigener Baustein ist
Den Konflikt sehe ich nicht als eigenständigen Grundbaustein.
Für mich entsteht er häufig aus der Herausforderung.
Stellen wir uns eine junge Frau vor, die unbedingt ihre verschwundene Schwester finden möchte.
Damit haben wir bereits eine Herausforderung.
Aber vielleicht möchte jemand verhindern, dass sie herausfindet, was mit ihrer Schwester geschehen ist. Vielleicht führt jede neue Spur sie tiefer in eine Welt, von der sie bisher nichts wusste. Vielleicht muss sie Entscheidungen treffen, die ihren eigenen Überzeugungen widersprechen.
Aus einer einzigen Herausforderung entstehen plötzlich ganz unterschiedliche Konflikte.
Äußere. Innere. Sogar Zwischenmenschliche.
Nehmen wir dagegen die Herausforderung weg, verschwinden viele dieser Konflikte gleich mit ihr.
Deshalb gehört für mich nicht der Konflikt zum Fundament einer Geschichte, sondern die Herausforderung, aus der Konflikte überhaupt erst entstehen können.
Perspektive, Stil und Stimme erzählen die Geschichte
Auch Perspektive, Stil und Stimme würde ich nicht zu ihren grundlegenden Bausteinen zählen.
Nicht weil sie unwichtig wären.
Ganz im Gegenteil.
Sie können vollkommen verändern, wie wir eine Geschichte erleben.
Eine Geschichte aus der Ich Perspektive kann sich anders anfühlen als eine Geschichte aus der dritten Person. Ein poetischer Schreibstil erzeugt ein anderes Rhythmus als eine sehr knappe, direkte Sprache.
Aber genau darin liegt für mich der Unterschied:
Sie bestimmen, wie eine Geschichte erzählt wird. Nicht, woraus sie besteht.
Die junge Frau kann noch immer nach ihrer verschwundenen Schwester suchen, egal aus welcher Perspektive erzählt wird. Der Stiel spielt dabei auch keine Rolle.
Die Wirkung verändert sich, aber das Fundament der Geschichte bleibt bestehen.
Und was ist mit dem Thema?
Auch das Thema würde ich nicht als grundlegenden Baustein betrachten.
Freundschaft, Verlust, Macht, Zugehörigkeit oder Selbstfindung können eine Geschichte stark prägen.
Aber sie müssen für mich nicht zwangsläufig am Anfang stehen.
Manchmal weiß ich schon früh, worum es auf einer tieferen Ebene gehen soll. Manchmal entdecke ich das erst, während ich meine Geschichte kennen lehrne.
Das Thema entwickelt sich aus den Entscheidungen meiner Charaktere. Aus ihren Beziehungen und aus dem, woran sie scheitern. Aus dem, was sie verlieren oder gewinnen.
Deshalb sehe ich es eher als etwas, das aus einer Geschichte entstehen oder sie begleiten kann.
Nicht unbedingt als einen Stein, ohne den ihr Fundament zusammenbricht.
Was ist dann mit der Handlung?
Bei all diesen Überlegungen fehlt ein ziemlich offensichtlicher Begriff:
die Handlung.
Schließlich braucht eine Geschichte eine Handlung. Warum gehört sie dann nicht zu meinen grundlegenden Bausteinen?
Weil die Handlung für mich weniger ein einzelner Baustein ist als das, was zwischen den Bausteinen entsteht.
Ein Charakter befindet sich in einem bestimmten Setting.
Er wird mit einer Herausforderung konfrontiert.
Er reagiert darauf in dem er Entscheidungen treffen muss.
Diese Entscheidung haben natürlich Konsequenzen.
Andere Charaktere reagieren wiederum darauf.
Etwas verändert sich.
Und aus einer Entscheidung entsteht die nächste.
Genau daraus beginnt sich doch die Handlung zu entwickeln.
Vielleicht ist Handlung deshalb für mich weniger ein weiterer Stein.
Für mich ist sie das, was entsteht, wenn die Steine anfangen, sich gegenseitig zu bewegen.
Meine fünf Bausteine
Schließlich haben sich für mich fünf Bausteine herauskristallisiert:
Charakter - Das Herz der Geschichte.
Setting - gibt im eine Welt.
Herausforderung - bringt sie in Bewegung.
Tropes - erwecken Erwartungen.
Twist - spielt mit ihnen.
Dabei ist mir etwas wichtig:
Natürlich sind sie keine offizielle Einteilung oder allgemein gültige Regel, sondern als meine ganz persönliche Sicht darauf, was eine Geschichte in Bewegung bring.
Es ist eine Möglichkeit, Geschichten zu betrachten, die für mich am Logischsten ist.
Um das genaue zu demonstrieren, lass uns ein kleines gedanken Experiment durchführen.
Ein Gedankenexperiment
Beginnen wir nur mit einem Charakter.
Eine 20 Jahre alte junge Frau.
Mehr wissen wir nicht.
Keine Vergangenheit. Kein Ziel. Kein Problem.
Also geben wir ihr ein Setting.
Das Setting
Unsere Protagonistin lebt in einer kleinen Küstenstadt.
Mehr verändern wir zunächst nicht.
Und trotzdem entsteht bereits ein erstes Bild.
Ein Meer. Ein Strand. Kleine Straßen und Häuser. Vielleicht ein Hafen. Vielleicht kennt dort fast jeder jeden.
Wir haben unserer Protagonistin eine Welt gegeben, in der ihre Geschichte stattfinden kann.
Aber noch passiert nichts.
Also kommt der nächste Baustein hinzu.
Die Herausforderung
Seit einigen Wochen verschwinden Menschen aus der Küstenstadt.
Eines Abends beobachtet unsere Protagonistin, wie ein Mann am Strand ins Meer geht und nicht wieder auftaucht.
Am nächsten Morgen möchte sie herausfinden, was mit ihm geschehen ist.
Doch niemand scheint ihn zu kennen.
Seine Nachbarn nicht, auch nicht seien Kollegen.
Nicht einmal seine Familie kann sich daran erinnern, dass er jemals existiert hat.
Nur unsere Protagonistin erinnert sich an ihn.
Jetzt verändert sich etwas.
Sie hat nicht mehr nur einen Ort, an dem sie lebt. Sie wird mit etwas konfrontiert, auf das sie reagieren muss.
Warum erinnert sich niemand an den verschwundenen Mann?
Warum kann ausgerechnet sie es?
Und was passiert, wenn noch jemand verschwindet?
Aus Charakter, Setting und Herausforderung beginnt langsam Handlung zu entstehen.
Die Tropes
Jetzt bringen wir eine weitere Dynamik in die Geschichte.
Bei ihren Nachforschungen trifft unsere Protagonistin immer wieder auf einen jungen Mann, den sie überhaupt nicht ausstehen kann.
Er weiß offensichtlich mehr über die verschwundenen Menschen, als er zugibt.
Gleichzeitig versucht er ständig, sie davon abzuhalten, weiterzusuchen.
Enemies to Lovers.
Die eigentliche Herausforderung bleibt dieselbe.
Noch immer verschwinden Menschen.
Noch immer erinnert sich unsere Protagonistin an sie.
Aber plötzlich muss sie sich mit jemandem auseinandersetzen, dem sie nicht vertraut und den sie trotzdem braucht, wenn sie herausfinden möchte, was geschieht.
Der Trope bringt damit eine neue Dynamik zwischen die Charaktere und beginnt gleichzeitig, sich mit unserer Herausforderung zu verbinden.
Der Twist
Während unsere Protagonistin weiter nach den verschwundenen Menschen sucht, bemerkt sie etwas Merkwürdiges.
Eine Bekannter grüßt sie plötzlich nicht mehr.
Der Besitzer des kleinen Ladens, in dem sie regelmäßig einkauft, behauptet, sie noch nie gesehen zu haben.
Schließlich erkennt selbst jemand, der ihr nahesteht, sie nicht mehr.
Unsere Protagonistin findet heraus:
Auch sie beginnt aus den Erinnerungen der Menschen zu verschwinden.
Plötzlich betrifft das Geheimnis nicht mehr nur fremde Menschen.
Es betrifft sie selbst.
Warum erinnert sie sich an die Verschwundenen?
Warum beginnt nun auch ihre eigene Existenz aus den Erinnerungen anderer zu verschwinden?
Und wusste ihr vermeintlicher Gegner vielleicht die ganze Zeit, dass genau das passieren würde?
Der Twist steht damit nicht unabhängig neben den anderen Bausteinen.
Er greift auf die Herausforderung zurück, verändert die Situation unseres Charakters und gibt auch der Beziehung zwischen den beiden eine neue Bedeutung.
Wann beginnt daraus eine Geschichte zu werden?
Am Anfang hatten wir nur eine 19 Jahre alte junge Frau. (Charakter)
Dann haben wir sie in eine Küstenstadt gesetzt. (Setting)
Menschen begannen zu verschwinden. (Herausforderung)
Ein Charakter trat in ihr Leben, dem sie nicht vertraut. (Trope)
Und schließlich stellte sich heraus, dass sie selbst aus den Erinnerungen anderer Menschen verschwindet. (Twist)
Noch immer haben wir keinen fertigen Roman.
Aber die einzelnen Bausteine beginnen, ineinanderzugreifen, es entstehen erste fragen, und die Antwort drauf lässt langsam die Geschieht entstehen.
Das Setting gibt der Geschichte einen Ort und bestimmte Möglichkeiten.
Die Herausforderung zwingt unseren Charakter zum Handeln.
Der Trope verändert eine wichtige Beziehung.
Der Twist greift etwas auf, das bereits Teil der Geschichte war, und verändert seine Bedeutung.
Und irgendwo zwischen diesen Bausteinen beginnt Handlung zu entstehen.
Müssen wirklich alle fünf vorhanden sein?
Nicht unbedingt.
Eine Geschichte kann einen starken Charakter, ein ungewöhnliches Setting und eine spannende Herausforderung haben, ohne dass sie einen großen Twist braucht.
Vielleicht spielt ein bestimmter Trope überhaupt keine Rolle.
Oder ein Baustein ist zwar vorhanden, steht aber viel weniger im Mittelpunkt als die anderen.
Meine fünf Bausteine sind für mich deshalb keine Checkliste, bei der am Ende überall ein Haken stehen muss.
Sie sind eine Möglichkeit, Geschichten zu betrachten.
Manchmal entdecke ich alle fünf.
Manchmal nur drei oder vier.
Und manchmal steckt etwas darin, das überhaupt nicht in diese fünf Kategorien passt.
Auch das darf sein.
Wenn die Bausteine miteinander spielen
Fünf interessante Bausteine ergeben noch nicht automatisch eine interessante Geschichte.
Und sie müssen auch nicht von Anfang an perfekt zusammenpassen.
Eine Geschichte darf überraschen.
Beim Schreiben kann ein neuer Charakter auftauchen, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet habe. Mein Setting kann plötzlich Möglichkeiten eröffnen, die ich vorher nicht gesehen habe. Eine Herausforderung kann sich verändern. Vielleicht entsteht sogar ein Twist, den ich selbst erst beim Schreiben entdecke.
Spannend wird es für mich vor allem dann, wenn die einzelnen Elemente anfangen, sich gegenseitig zu beeinflussen.
Kehren wir noch einmal zu unserer jungen Frau in der Küstenstadt zurück.
Menschen verschwinden und werden vergessen.
Nur unsere Protagonistin erinnert sich an sie.
Später stellt sie fest, dass auch sie langsam aus den Erinnerungen anderer Menschen verschwindet.
Der Twist greift damit etwas auf, das längst Teil der Geschichte war. Gleichzeitig verändert er ihre Herausforderung und vielleicht auch ihre Beziehung zu dem jungen Mann, der offenbar mehr über das Verschwinden weiß, als er zugibt.
Die einzelnen Bausteine beginnen miteinander zu spielen.
Aber natürlich darf auch etwas vollkommen Neues hinzukommen.
Vielleicht habe ich mitten beim Schreiben plötzlich die Idee:
Auf dem Mond leben Drachen.
Das hat zunächst herzlich wenig mit unserer Küstenstadt und den verschwundenen Menschen zu tun.
Muss die Idee deshalb weg?
Nicht unbedingt. Vielleicht entdecke ich eine überraschende Verbindung. Oder es verändert sie sogar die gesamte Geschichte.
Oder, ich stelle fest:
Nein. Die Drachen gehören in ein anderes Buch.
Auch das ist völlig in Ordnung.
Die Bausteine sind für mich kein Puzzle, bei dem jedes Teil von Anfang an an der richtigen Stelle liegen muss.
Sie dürfen sich verändern, überraschen und neue Verbindungen eingehen.
Vielleicht entsteht genau dort eine Geschichte: wenn einzelne Ideen anfangen, aufeinander zu reagieren.
Und was passiert bei einer Buchreihe?
Bei einer Buchreihe finde ich die fünf Bausteine noch einmal auf eine andere Weise interessant.
Denn nicht jeder Baustein muss mit einem Band abgeschlossen sein.
Ein Charakter kann uns durch eine ganze Reihe begleiten.
Ein Setting kann über mehrere Bücher bestehen bleiben und sich trotzdem immer weiter öffnen.
Eine große Herausforderung kann sich durch die gesamte Reihe ziehen, während jeder einzelne Band seine eigene kleinere mitbringt.
Auch Tropes können kommen und gehen.
Und ein Twist aus dem ersten Band kann Auswirkungen haben, die erst mehrere Bücher später ihre ganze Bedeutung zeigen.
Vielleicht verändern sich die Bausteine sogar gemeinsam mit der Reihe.
Der Charakter entwickelt sich.
Die Welt wird größer.
Aus einer kleinen Herausforderung entsteht etwas, das plötzlich viel weiter reicht.
Neue Beziehungen kommen hinzu.
Alte Annahmen geraten ins Wanken.
Für mich müssen die Bausteine einer Reihe deshalb nicht in jedem Band gleich aussehen.
Manche begleiten die gesamte Geschichte.
Andere gehören nur zu einem bestimmten Abschnitt.
Und wieder andere entstehen erst unterwegs.
Bei fünf Bausteinen muss noch lange nicht Schluss sein
Charakter, Setting, Herausforderung, Tropes und Twist sind schließlich nur fünf Möglichkeiten, eine Geschichte zu betrachten.
Natürlich kann noch viel mehr hinzukommen.
Vielleicht bekommt ein Charakter eine besondere Eigenheit.
Er verlegt ständig Dinge und findet sie an den unmöglichsten Orten wieder.
Er kommt grundsätzlich zu spät.
Oder er kann sich jedes Gesicht merken, aber niemals einen Namen.
Vielleicht zieht sich ein Symbol durch die Geschichte.
Ein zerbrochener Spiegel.
Eine bestimmte Blume.
Ein Vogel, der immer wieder auftaucht.
Eine stehen gebliebene Uhr.
Oder die Welt besitzt eine besondere Regel.
Nachts gelten andere Gesetze als am Tag.
In einer bestimmten Stadt darf niemand seinen eigenen Namen aussprechen.
Magie funktioniert nur, solange niemand dabei zusieht.
Solche Elemente müssen für mich keine weiteren Grundbausteine sein.
Aber sie können sich mit dem verbinden, was bereits da ist. Sie können neue Ideen hervorbringen, etwas über einen Charakter erzählen oder einer Welt eine ganz eigene Atmosphäre geben.
Zum Mitnehmen
Meine fünf Bausteine sind Charakter, Setting, Herausforderung, Tropes und Twist.
Sie sind keine Schreibregel und kein Bauplan. Für mich sind sie eine Möglichkeit, Geschichten zu betrachten, mit Ideen zu spielen und Verbindungen zu entdecken.
Denn besonders spannend wird es dort, wo einzelne Elemente anfangen, sich gegenseitig zu beeinflussen.
Aus den fünf Bausteinen wurde ein Spiel.
Die fünf Bausteine helfen mir nicht nur dabei, Geschichten zu betrachten. Man kann auch wunderbar mit ihnen spielen. Und genau daraus ist irgendwann eine ganz eigene Idee entstanden:
Story Fragmente.
(Noch in Arbeit 🙂 )
Bei Story Fragmente kannst du aus jeder Kategorie einen Baustein ziehen und beobachten, welche Geschichte dir begegnet.
Charakter. Setting. Herausforderung. Trope. Twist.
Fünf Fragmente, aus denen etwas vollkommen Neues entstehen kann.
Unzählige Geschichten warten darauf, entdeckt zu werden.
Welche findest du?
[Story Fragmente entdecken]
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