Gegenwart oder Vergangenheit

In welcher Zeitform sollte ich mein Buch schreiben?

Ich öffne die Tür.

Oder:

Ich öffnete die Tür.

Nur ein Wort verändert sich und trotzdem klingt der Satz plötzlich anders.

Der erste steht in der Gegenwart.

Der zweite in der Vergangenheit.

Zumindest grammatikalisch.

Romane werden häufig im Präteritum oder Präsens erzählt. Im Deutschen gilt das Präteritum traditionell als klassische Erzählzeit, aber auch das Präsens ist längst fest im Roman angekommen.

Andere Zeitformen begegnen uns natürlich ebenfalls.

Erinnerungen können weiter in die Vergangenheit führen, Gedanken plötzlich im Präsens stehen und manchmal spielt ein Autor ganz bewusst mit verschiedenen zeitlichen Ebenen.

Wenn es aber um die grundlegende Erzählzeit eines Romans geht, stehen sich meistens zwei Möglichkeiten gegenüber:

Präsens oder Präteritum.

Und mit ihnen begegnet mir immer wieder eine ziemlich einfache Einteilung:

Präsens wirkt unmittelbar und nah.

Präteritum schafft mehr Distanz.

Ich verstehe, woher dieser Gedanke kommt.

Schließlich beschreibt die Gegenwart etwas, das gerade geschieht, während die Vergangenheit von etwas erzählt, das bereits geschehen ist.

Trotzdem bin ich an dieser Erklärung immer wieder hängen geblieben.

Denn wenn ich ein Buch im Präteritum lese, fühlt sich die Geschichte für mich nicht automatisch vergangen an.

Während ich lese, passiert sie trotzdem.

Zumindest in meinem Kopf.

Was verändert die Zeitform?

In einem anderen Artikel habe ich mich bereits mit der Frage beschäftigt, durch wessen Augen wir eine Geschichte erleben.

Mit der Zeitform kommt eine andere Frage hinzu:

Wann wird sie erzählt?

Ich kann schreiben:

Ich renne die Treppe hinunter. Hinter mir kracht eine Tür ins Schloss.

Oder:

Ich rannte die Treppe hinunter. Hinter mir krachte eine Tür ins Schloss.

Am eigentlichen Geschehen hat sich nichts verändert.

Unser Charakter rennt die Treppe hinunter. Hinter ihm kracht eine Tür ins Schloss.

Aber der sprachliche Zeitpunkt ist ein anderer.

Im Präsens geschieht es jetzt.

Im Präteritum ist es geschehen.

Und trotzdem ist die Sache beim Erzählen ein wenig interessanter, als diese Unterscheidung zunächst vermuten lässt.

Das Präsens: mitten im Jetzt

Das Präsens setzt die Handlung sprachlich in die Gegenwart.

Ich lege meine Hand auf die Türklinke.

Dahinter bewegt sich etwas.

Mein Herz beginnt schneller zu schlagen.

Trotzdem drücke ich die Klinke nach unten.

Grammatikalisch befinden wir uns mitten im Geschehen.

Wir bewegen uns Satz für Satz durch die Szene und wissen zunächst nicht, was im nächsten Moment passieren wird.

Dadurch kann ein starkes Gefühl zeitlicher Unmittelbarkeit entstehen.

Das passiert jetzt.

Aber bedeutet dieses Jetzt automatisch, dass wir dem Charakter auch näher sind?

Genau da wird es für mich interessant.

Das Präteritum: Vergangenheit, die beim Lesen Gegenwart wird?

Nehmen wir dieselbe Szene:

Ich legte meine Hand auf die Türklinke.

Dahinter bewegte sich etwas.

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

Trotzdem drückte ich die Klinke nach unten.

Grammatikalisch liegt die Handlung jetzt in der Vergangenheit.

Aber wie erleben wir sie beim Lesen?

Ich sehe die Hand auf der Türklinke.

Ich frage mich, was sich dahinter bewegt.

Und ich möchte wissen, was passiert, wenn der Charakter die Tür öffnet.

Ich denke nicht ständig:

Das ist alles bereits geschehen.

Während ich lese, entsteht die Szene gerade erst in meinem Kopf.

Für dieses Phänomen gibt es sogar einen interessanten erzähltheoretischen Hintergrund. Beim Erzählen kann das Präteritum eine andere Funktion übernehmen als in einer gewöhnlichen Aussage über die Vergangenheit. In diesem Zusammenhang begegnet einem auch der Begriff episches Präteritum.

Das Präteritum erzählt grammatikalisch Vergangenes.

Beim Lesen eines Romans kann dieses Vergangene für uns jedoch zum gegenwärtigen Erleben der Geschichte werden.

Wir wissen grammatikalisch:

Es ist geschehen.

Und trotzdem wollen wir in diesem Moment wissen:

Was passiert als Nächstes?

Und plötzlich finde ich eine andere Frage viel spannender:

Wann passiert eine Geschichte eigentlich für den Leser?

Grammatische Zeit und Leseerlebnis sind nicht dasselbe

Nehmen wir einen ganz gewöhnlichen Satz:

Gestern ging ich zum Arzt.

Hier ist ziemlich eindeutig, dass ich von etwas Vergangenem erzähle.

Aber nehmen wir:

Mia öffnete die Tür. Vor ihr stand ein Mann mit einem Messer.

Natürlich stehen auch diese Sätze im Präteritum.

Aber wenn sie mitten in einem Roman auftauchen, kann sich das vollkommen anders anfühlen.

Wir wollen vermutlich nicht zuerst wissen, wann Mia diese Tür irgendwann einmal geöffnet hat.

Wir wollen wissen:

Was passiert jetzt?

Zumindest kann es sich beim Lesen so anfühlen.

Die grammatische Vergangenheit verschwindet dadurch nicht. Aber unser Erleben einer Geschichte richtet sich nicht ausschließlich nach der grammatischen Zeitform.

Und genau deshalb tue ich mich mit der Aussage schwer, das Präteritum würde automatisch mehr Distanz erzeugen.

Zeitliche Unmittelbarkeit und emotionale Nähe

Vielleicht vermischen wir bei der Diskussion über Zeitformen manchmal zwei verschiedene Dinge:

zeitliche Unmittelbarkeit

und

emotionale oder erzählerische Nähe.

Nehmen wir eine Szene im Präsens:

Ich stehe im Raum. Vor mir steht ein Mann. Er sieht mich an. Ich gehe zum Fenster.

Alles passiert jetzt.

Trotzdem erfahren wir kaum, wie unser Charakter diesen Moment erlebt.

Jetzt eine andere Szene:

Ich blieb in der Tür stehen.

Er war wirklich hier.

Mein Herz stolperte und für einen Moment bekam ich kaum Luft.

Sag etwas.

Irgendetwas.

Doch mein Kopf war leer.

Diese Szene steht im Präteritum.

Und trotzdem fühle ich mich dem Charakter wesentlich näher.

Nicht weil das Präteritum grundsätzlich näher wäre.

Sondern weil wir mehr von seiner Wahrnehmung bekommen.

Seine Gedanken.

Seine körperliche Reaktion.

Sein Zögern.

Die Zeitform ist also nur ein Teil dessen, was bestimmt, wie sich eine Szene anfühlen kann.

Perspektive, Gedanken, Wahrnehmung, Sprache und erzählerische Distanz spielen ebenfalls hinein.

Deshalb würde ich nicht einfach sagen:

Präsens ist nah. Präteritum ist distanziert.

Das Präsens kann sprachlich ein starkes Jetzt erzeugen.

Aber Nähe entsteht für mich noch an vielen anderen Stellen.

Kann das Präteritum trotzdem unmittelbar wirken?

Probieren wir es aus:

Ich rannte.

Meine Lunge brannte. Hinter mir krachte etwas gegen die Wand.

Nicht umdrehen.

Bloß nicht umdrehen.

Meine Finger erwischten das Geländer und ich riss mich um die Ecke.

Schritte ertönten hinter mir.

Viel zu nah.

Alles steht im Präteritum.

Und trotzdem kann sich die Szene anfühlen, als wären wir mitten in der Verfolgungsjagd.

Für mich entsteht diese Unmittelbarkeit an mehreren Stellen.

Die kurzen Sätze treiben das Tempo an.

Wir bekommen die Informationen unmittelbar mit dem Charakter.

Seine Gedanken drängen sich dazwischen.

Wir erleben seine körperlichen Reaktionen.

Das Präteritum steht diesem Gefühl nicht im Weg.

Vielleicht ist die Zeitform deshalb weniger ein Regler, den wir einfach zwischen nah und distanziert hin und her schieben können.

Sie ist ein Teil des gesamten Lesegefühls.

Meine persönliche Präferenz

Ich selbst schreibe am liebsten in der ersten Person und überwiegend im Präteritum.

Auch beim Lesen fühlt sich diese Form für mich besonders vertraut an.

Mit dem Präsens bleibe ich dagegen manchmal an Formulierungen hängen.

Das liegt bei mir vermutlich auch an meiner Legasthenie. Mein Kopf ist stärker auf bestimmte sprachliche Muster trainiert und wenn eine Form davon abweicht, fall ich darüber.

Das ist allerdings meine persönliche Wahrnehmung.

Ein anderer Leser kann das vollkommen anders empfinden.

Vielleicht verschwindet er gerade im Präsens besonders schnell in einer Geschichte.

Deshalb würde ich aus meiner eigenen Präferenz niemals ableiten:

Präteritum ist besser.

Für mich funktioniert es besser.

Das ist ein Unterschied.

Muss ein Roman in einer einzigen Zeitform bleiben?

Hier wird es ein wenig kniffliger.

Die meisten Romane haben eine grundlegende Erzählzeit. Trotzdem können uns innerhalb einer Geschichte ganz selbstverständlich andere Zeitformen begegnen.

Nehmen wir:

Ich öffnete die Tür und erstarrte.

Er stand vor mir.

Das kann nicht sein.

Ich hatte ihn sterben sehen.

Die eigentliche Erzählung steht im Präteritum.

Der Gedanke steht im Präsens.

Und mit:

Ich hatte ihn sterben sehen.

gehen wir noch weiter zurück.

Dafür brauchen wir das Plusquamperfekt.

Mehrere Zeitformen tauchen also innerhalb weniger Sätze auf, ohne dass die grundlegende Erzählzeit deshalb ständig wechselt.

Auch allgemeingültige Aussagen können im Präsens stehen:

Ich lehnte mich gegen die Wand und schloss die Augen.

Meine Mutter hatte mir diesen Satz früher ständig gesagt.

Man bekommt nicht immer das, was man will.

Damals hatte ich ihn gehasst. Heute verstand ich langsam, was sie damit gemeint hatte.

Deshalb finde ich es hilfreich, zwei Dinge voneinander zu unterscheiden:

Verschiedene Zeitformen innerhalb einer Erzählung

und

einen Wechsel der eigentlichen Erzählzeit.

Das ist nicht dasselbe.

Und was ist mit einem bewussten Wechsel?

Natürlich kann ein Autor auch mit der Erzählzeit spielen.

Vielleicht wird die Haupthandlung im Präteritum erzählt, während bestimmte Passagen plötzlich ins Präsens wechseln.

Vielleicht betrifft das Träume.

Erinnerungen.

Eine zweite Erzählebene.

Oder einen ganz bestimmten Zustand des Charakters.

Dann interessiert mich weniger die Frage:

Darf man das?

Sondern:

Was macht es mit der Geschichte?

Erkenne ich beim Lesen ein Muster?

Verändert der Wechsel das Gefühl der Szene?

Hat er innerhalb der Geschichte eine Funktion?

Oder stolpere ich jedes Mal darüber und werde aus der Geschichte gerissen?

Beim Schreiben mag ich den Gedanken der künstlerischen Freiheit.

Wir schreiben schließlich Geschichten und keine mathematischen Formeln.

Aber künstlerische Freiheit bedeutet für mich nicht, dass jede Entscheidung automatisch funktioniert.

Ich kann etwas ausprobieren und anschließend schauen, was es mit meinem Text macht.

Präsens oder Präteritum? Probier es aus

Vielleicht weißt du trotzdem nicht, welche Zeitform zu deiner Geschichte passt.

Dann könnte ein kleines Experiment helfen.

Wie fühlt sich dieselbe Szene im Präsens und im Präteritum an?

Präsens

Ich drücke mich gegen die Wand und halte den Atem an.

Schritte nähern sich.

Noch drei Meter.

Zwei.

Meine Finger schließen sich fester um den Schlüssel.

Präteritum

Ich drückte mich gegen die Wand und hielt den Atem an.

Schritte näherten sich.

Noch drei Meter.

Zwei.

Meine Finger schlossen sich fester um den Schlüssel.

Und jetzt?

Welche Variante fühlt sich für dich richtig an?

Vielleicht gefällt dir die zeitliche Unmittelbarkeit des Präsens.

Vielleicht magst du den Rhythmus des Präteritums lieber.

Vielleicht stellst du überrascht fest, dass du kaum einen Unterschied empfindest.

Oder eine der beiden Fassungen klingt plötzlich genau so, wie du deine Geschichte die ganze Zeit im Kopf hattest.

Solche Fragen lassen sich manchmal besser auf einer geschriebenen Seite beantworten als theoretisch.

Welche Form fällt dir beim Schreiben leichter?

Welche passt zur Stimme deines Charakters?

Und bei welcher vergisst du irgendwann, dass du überhaupt über die Zeitform nachgedacht hast?

Vielleicht ist gerade das ein gutes Zeichen.

Denn wenn ich nicht mehr über „öffne“ oder „öffnete“ nachdenke, sondern nur noch wissen möchte, was hinter der verdammten Tür ist, hat die Geschichte wahrscheinlich gewonnen.

Zum Mitnehmen

Präsens und Präteritum verändern den zeitlichen Eindruck und den Klang einer Geschichte.

Wie nah wir einem Charakter oder einer Szene kommen, hängt für mich aber von weit mehr als der Zeitform ab.

Deshalb würde ich weniger fragen:

Welche Zeitform ist näher?

Sondern:

In welcher Zeitform fühlt sich meine Geschichte richtig an?

Und wenn du es noch nicht weißt?

Dann probier es einfach aus.

Wann passiert deine Geschichte?

Schreibst du lieber im Präsens oder im Präteritum? Und fühlt sich eine Geschichte für dich tatsächlich näher an, nur weil sie in der Gegenwart geschrieben ist?

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